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20.02.2001 Allgemeine Zeitung (Nicole Weisheit-Zenz)

Als der Tourismus zu blühen begann

"1850 – mit dem Dampfschiff nach Mainz": Neuer Kulturspaziergang der Mainzer Gästeführer

Wie aus der Zeit gefallen wirken sie, die beiden Damen mit Schirm und Charme, die am Fluss entlang und durch die Innenstadt flanieren. Staunende Blicke ziehen Judith König und Cristina López auf sich, wenn sie in ihre markanten Kleider und Rollen schlüpfen: Als schrullige englische Gouvernante und hochnäsige spanische Adlige sind sie unterwegs, wenn der Mainzer Gästeführerverband zu seinem neuen Kulturspaziergang einlädt: 1850: Mit dem Dampfschiff nach Mainz. Intensiv haben die beiden erfahrenen Gästeführerinnen dafür recherchiert, ob in geschichtlichen Quellen oder in Reiseliteratur. Nun legen sie schauspielerisches Talent an den Tag, mit Dialogen und Berichten frei aus dem Kopf, anschaulichen Darstellungen auf alten Aufnahmen und amüsantem Sprachklang.

"Provinzstädtchen" Mainz galt als "sauber und hell"

Kenntnisreich schwärmen Mrs. Gardiner und Maria Dolores von "ihrer" Epoche, als der Tourismus durch das romantische Mittelrheintal eine Blütezeit erlebte. Wohlhabende Gäste streiften einst, mit dem "Baedeker" ausgestattet, auch durch Straßen und Gassen von Mainz, während Touristen von heute ringsum die Smartphones zücken. Als sauber und hell wurde das damalige Provinzstädtchen beschrieben, was sich international herumsprach. Wiesbaden kam da nicht so gut weg: Das Wasser der Heilquellen wurde eher als stinkend empfunden.

1850Reisebeschreibungen fließen mit ein in diesen informativen Rundgang, Schilderungen von Victor Hugo etwa; auch an Mozart oder Goethe wird erinnert. Wer wohl damals residiert haben mag im feinen Hotel, dessen Gebäude heute mit zum Gutenberg-Museum gehört? Die mitteilungsfreudigen Damen laden ein, genauer hinzuschauen, Details zu erkennen an der Fassade, an der man sonst oft eilig vorübergeht. Kopf und Kugeln zu Füßen eines Kaisers? Bei diesem Anblick scheint die stolze Spanierin fast in Ohnmacht zu fallen. Gut, dass ein Mann aus der Runde ihr beisteht. Auch andernorts werden die Teilnehmer aktiv einbezogen: Ob jemand schnell nachschauen kann, ob noch Dompolizisten in Uniform zu sehen sind?

Im Vergleich mit früheren Darstellungen zeigt sich vor Ort, welche Veränderungen der Dom im Lauf der Zeit erfahren hat: So schien die Bauweise eines früheren Turms einer Bischofsmütze nachempfunden. Die vielen Kunstschätze und Grabdenkmäler dort wurden schon im 19. Jahrhundert ausführlich beschrieben, erklären die "Zeitreisenden". Sie zeigen auch, weshalb St. Alban der Schutzpatron für Menschen mit Kopfweh ist und wo Frauenlob begraben liegt, der verehrte Sänger. Über seiner letzten Ruhestätte, wird berichtet, sollen reichlich Wein und Frauentränen geflossen sein. Tränen lachen können nun die Teilnehmer: "Lehrreich und lustig", so das Resümee in der Runde, "dabei sein lohnt sich."