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13.04.2019 Allgemeine Zeitung (Julia Sloboda)

BEAUTIFUL! Ausländische Schiffstouristen erkunden im Schnelldurchlauf die Stadt. Sie sehen Dinge, die den Mainzern sonst nicht auffallen. Und am Ende wollen sie nur das eine

Am RheinuferDie Lebenskraft mögen die Besucher. Vielleicht, weil sich ihr Name so schön ins Englische übersetzen lässt. Power of life nennen die Gästeführer die Skulptur, die vor dem Mainzer Rathaus steht. Für Touristen, die mit dem Schiff nach Mainz kommen, ist sie eines der ersten Fotomotive auf ihrem Stadtrundgang. Die Ansamm- lung der Aluminiumstäbe, an denen jeder Mainzer schon unzählige Male vorbeigelaufen ist, fällt den ausländischen Gästen auf.

47.000 Besucher kamen im vergangenen Jahr mit einem Kreuzfahrtschiff nach Mainz – so viele wie noch nie. Auch die Zahl der Gästeführungen lag mit 5800 auf Rekordniveau. Wenn die Mainzer Gästeführer mit den Schiffstouristen am frühen Vormittag auf Tour gehen, dauert das rund zwei Stunden. Mainz im Schnelldurchlauf. Rhein, Rathaus, Dom, Gutenberg-Museum, Altstadt. Für einen Einheimischen nichts Neues. Doch wie sieht die Stadt eigentlich aus der Sicht eines Fremden aus?

Ein Stuhl von Arne Jacobsen? Die Begeisterung hält sich in Grenzen.

Der erste Blick fällt aufs Rathaus. "Problemkind" nennt Lothar Schilling den Arne-Jacobsen-Bau. Schilling ist seit elf Jahren Gästeführer, 250 Führungen machte er im vergangenen Jahr. Er zeigt den Schiffstouristen aus den USA und Kanada das Bild eines roten Jacobsen-Stuhls. Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Viel interessanter ist da schon der Wegweiser am Rheinufer. Über 9000 Kilometer bis nach San Francisco – damit können die Gäste etwas anfangen. Ob das die Mainzer Partnerstädte sind, fragen sie. Von den Great Wine Capitals, deren Namen auf den Schildern zu lesen sind, haben sie noch nichts gehört. Auf dem Vorplatz des Rathauses taucht zum ersten Mal der Dom im Blickfeld auf. Mike aus Texas fotografiert lieber den Schriftzug auf der Rheingoldhalle. Rheingold – das hat er schon einmal gehört. Seine Frau Mary ermahnt ihn, mehr auf die Kultur zu achten. Während Gästeführer Lothar Schilling auf dem Weg zum Brand die Geschichte des Heiliggeists erklärt, sind die Schiffstouristen von etwas anderem in ihren Bann gezogen. Der <i, die drei Meter hohe Legionär-Figur von Bildhauer Eberhard Linke, wird direkt mit dem Smartphone festgehalten.

Weiter geht es über den Brand. Der zugige April-Vormittag lässt die Besucher frösteln. "Ich liebe die Altstadt hier", sagt Judy aus Kanada, während sie zwischen den Geschäften entlangläuft. Dass die Augustinergasse noch weit weg ist und sich die Gruppe gerade in der Shopping-Hochburg der Innenstadt befindet, stört die Touristin nicht.

Der Domplatz zeigt sich an diesem Tag nicht von seiner besten Seite. Die Kanalarbeiten an der Heunensäule sorgen für ein Geruchserlebnis der schlechteren Art, doch die einzelnen Bestandteile des Sandstein-Monoliths geben dennoch ein paar schöne Fotos her. Dass sich im Hintergrund majestätisch der Dom erhebt, beeindruckt die Besucher aus Übersee nicht unbedingt. "Schon wieder eine Kirche", sagen sie zwar im Scherz – doch ein Funken Wahrheit ist dabei. Auf ihrer Flusskreuzfahrt von Basel bis Trier haben sie schon einige Gotteshäuser gesehen. Zu viele für manche. "Außerdem war der Dom in Speyer größer", sagt Mary. Den haben sie am Vortag besichtigt. Das Schönste am Besuch des Mainzer Wahrzeichens dürfte für viele Mitglieder der Reisegruppe die Tatsache sein, dass es hier die erste Sitzgelegenheit gibt. Dass der Dom gleich mehrfach den Flammen zum Opfer fiel, entlockt den Touristen ein mitleidiges "oh".

Auf dem Weg über den Liebfrauenplatz, bei dem vor allem die bunten Blumenbeete positiv auffallen, ist Zeit für ein erstes Fazit. "Beautiful", also wunderschön, finden die meisten, was sie bisher gesehen haben. "Ich glaube, wir waren schon mal hier", überlegt Katie aus den USA. "Aber irgendwann sehen alle Städte gleich aus." Kirchen, Flüsse, Altstädte – all das haben die Schiffstouristen schon mehrfach gesehen. Zwar gefällt ihnen Mainz, doch die Liebesbekundungen sind wohl auch der amerikanischen Höflichkeit zuzuschreiben. Vieles ist "amazing", "beautiful" und "impressive". Aber ob sich die Gäste am nächsten Tag noch daran erinnern können? Schon jetzt verschwimmen die Erzählungen aus den bisherigen Stopps. War dieser schöne Brunnen jetzt in Straßburg oder Basel?

Vorbei an den Blumenbeeten des Liebfrauenplatzes sind die Touristen endlich dort angekommen, wo sie die ganze Zeit hinwollten: zum Gutenberg-Museum. Was für die Einheimischen irgendwie zum Inventar gehört und von vielen mit Besuchen während ihrer Schulzeit verbunden wird, ist für die Gäste aus dem Ausland das Nonplusultra. Annie aus Mississippi hat die zwölftägige Flusskreuzfahrt tatsächlich nur aus einem Grund angetreten: Sie wollte dieses Museum sehen. "Ich habe so viel davon gehört. Das Museum macht diese Reise für mich speziell und Mainz so einzigartig." Sie habe ein Faible für Bibeln, erzählt sie.

Große Leidenschaft für Gutenberg: "He is the guy"

Gästeführer Lothar Schilling führt der Gruppe derweil die Druckerpresse vor. Diane aus Kanada darf ihm zur Hand gehen und den Abdruck einer Seite aus der Gutenberg-Bibel behalten. Neidische Blicke. Den Rest der Gruppe schickt Schilling in den Museumsshop. "Ich habe deutsche Vorfahren, deshalb fühle ich mich wirklich geehrt, dass ich das machen durfte", strahlt Diane. Sie findet, dass noch mehr ihrer kanadischen Landsleute nach Mainz kommen sollten. "Hier kann man ja etwas lernen." Mainz an sich findet sie – natürlich – "beautiful". Ob sie sich daran zurückerinnern werde? "Natürlich! Allein deshalb", sagt sie und wedelt mit dem Blatt Papier in ihrer Hand. Gutenberg hinterlässt seine Spuren.

Von den Originalbibeln im Tresorraum sind die Touristen ebenso beeindruckt wie von den Druckmaschinen. "Man bekommt mehr Respekt dafür", sagt Buchliebhaberin Judith aus Toronto.

Vorbei am Bischofshaus geht es noch zum Kirschgarten, dem Abschluss der zweistündigen Tour. Die Fachwerkhäuser werden fotografiert, das Haus zur wilden Gans sorgt für einige Lacher und dass die Straßenschilder in Mainz verschiedene Farben haben, wird mit einem Schmunzeln zur Kenntnis genommen. In Erinnerung wird ihnen aber vor allem das Gutenberg-Museum bleiben, das sagen viele der Mainz-Besucher.

Mary und Ehemann Mike wollen noch weiter zu den Chagall-Fenstern. Mary hat sich in ihrem Handy Stichworte zu Mainz notiert, jeden Abend schreibt sie ihre schönsten Erlebnisse des Tages auf. Sie schaut auf den Bildschirm. "Power of life" steht dort, außerdem ein Vermerk zum Great-Wine-Capitals-Wegweiser. Kleinigkeiten, die dem Mainzer an sich wohl nicht so auffallen. Doch auch für Mary aus Texas ist klar: Gutenberg macht Mainz so speziell. "He is the guy." Er ist der Eine. Das wissen sie jetzt auch in Toronto, Texas und Mississippi.