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19.09.2018 Allgemeine Zeitung (Heiko Beckert)

ZWEI STÄDTE AUF DER COUCH

Wechselseitige Neurosen, Psychosen und reichlich Beziehungsstress: Gästeführung „Mainz für Wiesbadener“ geht altem Konkurrenzverhältnis der beiden Landeshauptstädte auf den Grund.

Wiesbaden und Mainz – das ist wie Feuer und Wasser, Tag und Nacht oder Tom und Jerry. Auf der einen Seite die protestantisch-preußische Beamten- und Schickimicki-Stadt, die zeitweilig die höchste Millionärsdichte in der Bundesrepublik aufgewiesen haben soll. Auf der anderen Seite die 2000 Jahre alte, katholische Festungsstadt mit römischen und keltischen Wurzeln, in der einmal Kaiser und Könige gemacht wurden. Doch reichen diese Unterschiede aus, um die Animositäten zwischen den beiden benachbarten Landeshauptstädten zu erklären?

Es ist 15 Uhr, Beate Heusel-Hollemeyer, seit 21 Jahren Gästeführerin, wartet auf der Rathausbrücke auf ihre Kunden. Heute will sie – wieder einmal – tief in die Städtepsychologie eintauchen, will Neurosen und Psychosen der beiden Metropolen ans Tageslicht bringen. Mainz für Wiesbadener lautet der Titel ihrer Führung und eigentlich ist alles bereit. Doch es fehlen die Wiesbadener. Gerade einmal zwei Personen haben sich gefunden, um die Konkurrenz der zwei Städte zu erkunden. Eigentlich zu wenig für eine Führung.

Aber Heusel-Hollemeyer macht eine Ausnahme. Vielleicht weil ihre beiden Gäste, Jan und Jasmin Streda, den Konflikt zwischen Mainz und Wiesbaden privat auf harmonische Weise gelöst haben: Er, 41 Jahre alt, ist Mainzer, sie, acht Jahre jünger, kommt aus der Kurstadt. Eine "Mischehe" also, wie Heusel-Hollemeyer scherzhaft anmerkt. Möglicherweise findet die Führung auch statt, weil ein Medienvertreter als dritter "Gast" dabei ist.

"Die Führung hat sich ein Kollege ausgedacht", berichtet die gebürtige Mainzerin. Sie habe die Idee übernommen und mit eigenen Inhalten gefüllt. Aufgrund ihrer Erfahrung sei es kein Problem gewesen, die Gründe für das prekäre Städteverhältnis zu bestimmen.

Ihrer Ansicht nach stammt der virulenteste Konfliktherd aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Besatzungszeit. Während Wiesbaden von Bombardierungen vergleichsweise gering betroffen war, wurden große Teile von Mainz zerstört. Die Folgen sind heute noch sichtbar. "Wenn Sie mal sehen wollen, wie die Neustadt war, dann fahren Sie nach Wiesbaden oder Baden-Baden", rät Heusel-Hollemeyer.

Doch damit nicht genug: In der Besatzungszeit wurde der Rhein als Grenze zwischen den neuen Bundesländern Hessen und Rheinland-Pfalz festgelegt. Die Domstadt verlor damit an Wiesbaden ihre rechtsrheinischen Gebiete, 52 Prozent des Stadtgebiets. Noch dazu ein potentes Gebiet mit Unternehmen wie Linde, Kalle und Dyckerhoff. "Man wollte eine saubere Grenze ziehen", sagt Heusel-Hollemeyer. Eine spätere Befragung zur Zugehörigkeit der drei ehemals Mainzer Stadtteile Amöneburg, Kastel und Kostheim konnte die sogenannte AKK-Frage nicht befrieden.

Doch es gibt noch ältere Wunden, die immer wieder – vor allem in der fünften Jahreszeit – aufbrechen. Da ist zum Beispiel die Sektkellerei Henkell. In Mainz gab es um 1900 neben 30 Bierbrauereien und 280 Weinhändlern auch elf Sektkellereien. Eine entstand aus der 1832 von Adam Henkell gegründeten Weinhandlung Henkell & Cie. Doch als die "Champagnerfabrik" größere Keller benötigte, zog das Unternehmen 1907 ausgerechnet nach Wiesbaden.

Selbstverständlich hat auch Mainz Schätze, die Wiesbadener gerne hätten: mittelalterliche Gebäude, eine Universität mit großer Tradition, die Institution des Stadtschreibers oder den Musikverlag Schott. Hier allerdings gibt es einen kleinen Stachel, der Mainzern wehtut: Als der Komponist Richard Wagner mit dem Verlag zusammenarbeitete, wohnte er nicht in der Domstadt, sondern in Biebrich. Das war damals zwar noch eigenständig, aber trotzdem …

Es gibt noch andere Quellen des Missvergnügens. Doch plötzlich ist es 17 Uhr und Heusel-Hollemeyer muss sich sputen. Am Dom wartet bereits eine neue Gruppe, die durch Mainz geführt werden will.

Jan und Jasmin Streda zeigen sich trotz des etwas abrupten Endes von dem Rundgang durch das verminte Gelände zwischen Mainz und Wiesbaden angetan. Er als echter Mainzer habe dank seiner Frau, die die Führung gebucht hat, Details über seine Heimatstadt erfahren, die ihm bislang unbekannt waren, so der 41-Jährige. Und noch etwas ist den beiden klar: Obwohl ihnen der Städtezwist nun viel bewusster geworden ist, soll ihre den Rhein überschreitende Beziehung darunter ganz bestimmt nicht leiden.