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18.08.2018 Allgemeine Zeitung (Petra Jung)

"Ist der Dom katholisch?"

Ausländische Touristen haben ihre Eigenarten und Vorlieben. Und suchen vor allem sonntags in Mainz verzweifelt nach Souvenirs. Ein Gespräch mit Gästeführern.

MarktFranzosen verziehen bei Weinschorle das Gesicht, Brasilianer bei Colabier. Japaner lieben den Weihnachtsmarkt, wollen Wein und 05-Trikots kaufen und probieren in kulinarischer Hinsicht einfach alles – von Bratwurst bis Glühwein. Italiener suchen nach gutem Espresso und Brezeln – weil sie die von der Telenovela "tempesta d’amore" ("Sturm der Liebe") kennen. Und fragen mehr als einmal nach, ob der Dom auch wirklich katholisch und nicht protestantisch ist. Ausländische Touristen in Mainz haben so ihre Vorlieben, Abneigungen und Eigenarten. Wer sich mit den Gästeführern des Gästeverbandes Mainz unterhält, könnte hernach ein ganzes Buch schreiben.

Das Gutenberg-Museum und die Chagall-Fenster von St. Stephan sind für die meisten Besucher aus dem Ausland die Highlights der Stadt. Was das letztgenannte Ziel angeht, finden viele ausländische Touristen jedoch kaum die Zeit, um den steilen Weg hinauf zur Altstadt-Kirche zu laufen. Wie Amerikaner. "99 Prozent der USA-Touristen kommen mit dem Schiff, bleiben nur wenige Stunden in Mainz. Manche sind in ihrer Mobilität eingeschränkt, würden es gar nicht den Berg hinauf schaffen. Auch haben sie nicht die Zeit, sich ein Taxi zu nehmen und nach oben zu fahren", sagt Judith König, stellvertretende Vorsitzende des Gästeführerverbandes Mainz. Es gebe Schifffahrtsgesellschaften, die sie und ihre Kolleginnen und Kollegen daher vorab bitten würden: "Kein Wort zu Chagall – sonst sind unsere Gäste hinterher sauer, wenn sie merken, dass die Zeit nicht reichen wird."

Das Gutenberg-Museum liegt da natürlich viel näher. Judith König: "Gutenberg kennt einfach jeder." Kollegin Ursula Hoffmann-Kramer weiß: "Von den Vorführungen an der Druckerpresse sind vor allem Amerikaner begeistert. Und Engländer finden es toll, dass die Queen mal hier war." Der Zustand des Museums jedoch erschüttere die meisten Touristen zutiefst: "In die Jahre gekommene Toiletten und keine Klimaanlage." Dann doch besser bei Hitze in den Dom? Zumindest Italiener winken da eher ab: "Vermutlich weil sie selbst so viele Kirchen haben", meint Gästeführerin Ulrike Faßbender. Brasilianer derweil seien ganz begeistert vom Dom: "Weil er älter ist als unser Land", sagt die brasilianische Gästeführerin Claudia Linhares. Bei Japanern stehe die barocke Augustinerkirche höher im Kurs als der Dom, hat Kollegin Atsuko Kaneko-Kleefeldt festgestellt: "Weil das einfach die schöneren Fotomotive hergibt." Generell kämen die japanischen Touristen ausgesprochen gut vorbereitet nach Mainz.

Großes geschichtliches Interesse bescheinigen Françoise Sauer und Nadine Schöpke, Vorsitzende des Gästeführerverbandes, auch Franzosen: "Vor allem die Geschichte der Erzbischöfe in Mainz interessiert sie." Dass es einst eine Mainzer Republik gegeben hat – das wüssten jedoch die Wenigsten. Und Sauer sagt schmunzelnd: "Wenn ich Gäste aus meiner Heimat Bordeaux durch Mainz führe, bereitet es mir immer ein diebisches Vergnügen, ihnen zu erklären, dass auch Mainz den Titel Great Wine Capital trägt."

Auch Spanier haben schon das eine oder andere Aha-Erlebnis gehabt, wie Cristina Lopez berichtet: "Die Spanier sind oft überrascht, wenn sie hören, dass Mainz so hoch verschuldet ist. Das passt für sie überhaupt nicht zu dem Bild, das sie von Deutschen haben." Spanier, erzählt die Gästeführerin, haben in Mainz einen besonderen Lieblingsplatz: "Sie lieben das Rheinufer."

Wie ist das eigentlich mit Fastnacht – können die ausländischen Touristen damit etwas anfangen? Die meisten Gästeführerinnen schütteln den Kopf. Claudia Linhares: "Brasilianern sage ich immer: 'Das ist so ähnlich wie Mardi Gras.'"

So unterschiedlich die ausländischen Touristen auch sind – ein Thema eint sie: die oft vergebliche Suche nach Souvenirs. Besonders am Wochenende ist das ein Problem. Das Souvenir-Geschäft in der Malakoff-Passage liegt, um es vorsichtig auszudrücken, nicht unbedingt auf der Laufroute von Tagestouristen. Françoise Sauer: "Souvenirgeschäfte fehlen definitiv in Mainz. Bei Hugendubel am Brand gibt es zwar einen recht umfangreichen Souvenir-Bereich – aber welcher Tourist weiß das schon beziehungsweise findet diesen auf Anhieb?" Hinzu komme: Der Shop des Tourist Service Center am Brand liege ebenfalls nicht wirklich zentral und schließe bereits um 17 Uhr, samstags gar um 16 Uhr: "Und sonntags ist ohnehin alles zu." Japanische Mainz-Besucher würden am Wochenende als Souvenir oft auf Schokolade beispielsweise aus dem Dom-Café zurückgreifen, berichtet Atsuko Kaneko-Kleefeldt. Gästeführerin Ulrike Faßbender wird derweil von Italienern oft nach dem "berühmten Mainzer Porzellan“ gefragt, denn die berühmte Manufaktur Meissen klingt im Italienischen ähnlich wie Mainz. Und Kollegin Judith König wünscht sich einen Souvenir-Shop in den Domhäusern. "Es ist schon verrückt", sagt Françoise Sauer stirnrunzelnd, "die Leute wollen ihr Geld hier lassen – und können es nicht."

  • 5522 Gästeführungen gab es im vergangenen Jahr laut der Mainzplus Citymarketing GmbH in Mainz. Diese teilen sich wie folgt auf: Führungen auf Deutsch: 5076, Englisch: 248, Französisch: 107, Spanisch: 38, Italienisch: 33, Polnisch: elf, Chinesisch: fünf, Japanisch: zwei, Russisch: zwei.
  • Für 2018 werden ähnliche Zahlen erwartet. Zwischen Januar und Mai weist die Statistik insgesamt 1603 Gästeführungen aus (2017: 1673).
  • Die Mainzer Gästeführer haben sich 1994 als Verein eintragen lassen. Was einst mit knapp 20 Mitgliedern begann, ist heute auf die stattliche Zahl von 70 Gästeführern angewachsen.
  • Die Mainzer Gästeführer sind über Facebook erreichbar unter: Gästeführerverband Mainz e.V.