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22.04.2016 Frankfurter Allgemeine Zeitung (Markus Schug)

STEILE TREPPEN UND TROPFENDE STEINE
Mit 2000 Schritten durch 2000 Jahre Stadtgeschichte: Mainz bietet neue Rundgänge durch die Unterwelt der Zitadelle

ZitadelleEs ist der geschichtsträchtigste Ort der Stadt: Die im 17. Jahrhundert auf dem Jakobsberg errichtete Zitadelle mit ihren vier Bastionen Tacitus, Drusus, Alarm und Germanicus. Nie wurde sie erobert, denn die Mainzer übergaben ihr gemauertes Bollwerk in dem für sie ungünstigsten Fell lieber freiwillig an vorrückende Truppen, zum Beispiel die Franzosen. Nirgendwo sonst in der Stadt, die sich zwischen 1816 und 1866 Bundesfestung nennen durfte, gibt es so viele gut erhaltene Spuren der Vergangenheit: etwa den Drususstein, der als Leergrab an den im Jahre neun vor Christus jung verstorbenen römischen Feldherrn erinnert; oder das seinerzeit für bis zu 10.000 Besucher gebaute größte römische Bühnentheater nördlich, das dank vieler ehrenamtlicher Helfer nahe dem heutigen Zitadellen-Eingang zu einem großen Teil wieder freigelegt werden konnte.

Nur von der mittelalterlichen Klosteranlage, die dem Militärbauwerk einst weichen musste, ist nichts übrig geblieben. Umso mehr hat die Festungsanlage zu bieten: gewundene Minengänge, steile Treppen, Postenwege, Ausfalltore und unterirdische Hallen, die während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg vielen Bürgern aus der Alt- und Oberstadt als Luftschutzräume dienten.

"Mit 2000 Schritten 2000 Jahre Geschichte erkunden", lauten denn auch Titel und Konzept für einen neu geschaffenen Rundweg, bei dem die Teilnehmer innerhalb von zwei Stunden einmal quer über das Gelände sowie vor allem durch die beeindruckende Unterwelt geführt werden. Am Sonntag von 14 Uhr an soll das von fünf Partnern - den beiden Initiativen Römisches Mainz (IRM) und Zitadelle Mainz (IZM) sowie Gebäudewirtschaft, Stadtmarketing und Gästeführerverband - gemeinsam erarbeitete Angebot erstmals erprobt werden. Treffpunkt ist vor der evangelischen Lutherkirche oberhalb des Römischen Theaters, die 1949 eigentlich nur als Notkirche gedacht war, nach den Plänen des Architekten Otto Bartning dann aber doch zu einem bleibenden Bauwerk wurde. Von dort aus geht es hinunter zum neu angelegten Zugang der lange aus dem Stadtbild verschwundenen Bastion Albani, deren Gänge von der Gebäudewirtschaft Mainz für 18.000 Euro hergerichtet wurden und nun auch beleuchtet sind.

Ins Auge fallen nicht nur ein aus dem 17. Jahrhundert stammender Brunnen und römische Spolien, sondern eine ganze Menge Tropfsteinformationen, die im feuchten Untergrund von der Decke nach unten wachsen. Für die zwei Stunden währende Führung, die im Sommerhalbjahr immer sonntags um 14 Uhr beginnen soll, werden von Erwachsenen zehn Euro je Person verlangt; für Kinder kostet es die Hälfte. Wobei ein Teil der so erzielten Einnahmen an die Initiativen IZM und IRM weitergereicht würden, sagte Bau- und Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) gestern bei einem Probelauf durch die Stadtgeschichte.

Mittwochs um 18 Uhr werden etwas kürzere Rundgänge für 7,50 Euro angeboten, die am Cafe Citadelle beginnen. In beiden Fällen gehe es darum, bei Mainzern und Touristen etwas Werbung für die aktuell vor allem von wild wuchernder Natur angegriffene Festung zu machen, erläuterte Kay-Uwe Schreiber von der Zitadelle-Initiative. Natur- und Denkmalschützer seien darüber im Gespräch, verriet Grosse. Schließlich wolle man gemeinsam einen Weg finden, um im mittlerweile sehr grünen Zitadellengraben für ein auskömmliches Miteinander von Kulturbauwerk und Natur zu sorgen.